Odenwälder Echo vom 02.09.2010
Geschichte und Gegenwart: Initiative Odenwald gegen rechts führt Bürger direkt mit polnischen Zeitzeugen zusammen
Die fünf Tische in der neuen Mensa des Gymnasiums Michelstadt sind voll besetzt. Zahlreiche Zuhörer sind an diesem Abend gekommen, um sich die Berichte und Erfahrungen fünf polnischer Zeitzeugen aus dem Zweiten Weltkrieg anzuhören. Allen gemeinsam ist, dass sie unter der Herrschaft des nationalsozialistischen Deutschland in einem Haftlager eingesperrt waren und diese Internierung überlebt haben. Aber jeder saß aus einem anderen Grund ein - und jeder hat eine eigene, bewegende Geschichte zu erzählen.
Da ist Ignacy Arthur Krasnokucki, der im Ghetto von Lodz lebte, bevor er 1944 in das Konzentrationslager Buchenwald deportiert wurde. ,,Meine Mutter ist in meinen Armen an Hunger gestorben", erzählt er. Jacek Zilieniewicz, der 1943 mit siebzehn Jahren in das Konzentrationslager Auschwitz-Birkenau kam, wog am Tag seiner Befreiung im Jahr 1945 nur noch 38 Kilogramm. Brygida Czekanowska wurde mit ihrer Mutter in einem Viehtransporter deportiert. Von ihren Erfahrungen im KZ und als Zwangsarbeiterin spricht die alte Frau sehr gefasst. Doch als sie vom Todesmarsch und den russischen Soldaten berichtet, wird ihre Stimme brüchig. Hanna Walczuk wurde mit 14 Jahren von ihren Eltern getrennt, als man sie ins KZ Ravensbrück deportierte. Sie sah Mutter und Vater nicht wieder. Genowefa Kowalczuk kam in das ,,Jugenverwahrlager Litzmannstadt", ein Kinder-KZ. Die Dinge die sie dort erlebte, berichtet sie vor allem aus dem Grund, ,,weil ich es denjenigen schuldig bin, die im Lager geblieben, also dort umgekommen sind."Wie auch schon in den Jahren zuvor, sind eine Reihe polnischer Zeitzeugen des Zweiten Weltkrieges wie die fünf Michelstädter Berichterstatter für eine Woche nach Deutschland gereist. Als Gäste des Maximilian-Kolbe-Werkes und der Diözese Mainz wohnen die Mitglieder der Gruppe für Südhessen noch bis zum 4. September im Kloster Höchst. Von dort unternehmen sie täglich Ausflüge zu den umliegenden Schulen, um von ihren Erfahrungen zu berichten und gegen das Vergessen zu kämpfen. Einigen schulinternen Gesprächen mit den Zeitzeugen folgte am Mittwoch die gut besuchte öffentliche Veranstaltung in Michelstadt. Zu ihrem Besuch aufgerufen hatte die Initiative ,,Odenwald gegen Rechts". Für die Gestaltung des Vortrags- und Gesprächsabends verwirklichte sie ein neues Konzept, das es den Zuhörern ermöglicht, den Zeitzeugen sehr nah zu kommen und direkt Anteil an ihren Geschichten zu nehmen: An fünf Tischen durften die Zuhörer mit jeweils einem Nazi-Opfer Platz nehmen, dessen Erlebnissen lauschen und mit ihm darüber sprechen. Dabei galt: Fragen stellen ist mehr als erwünscht, und jede Frage ist erlaubt. Michelstadts Bürgermeister Stephan Kelbert betonte im Abschlussgespräch an diesem Abend die Wichtigkeit der Veranstaltung. Angesichts der zunehmenden zeitlichen Distanz zu Nazi-Zeit und Zweiten Weltkrieg und dem damit verbundenen Tod von immer mehr Betroffenen böten sich in diesen Jahren die letzten Chancen, Opfer persönlich kennenzulernen und sie anzuhören. Die nächste Generation werde ohne diese Erfahrung aufwachsen - ohne die Scham über das Geschehene und die Freude über die neuere Entwicklung.,,Wir haben von Zeiten berichtet, als wir Feinde waren. Jetzt sind wir Freunde." Der 84-jährige ehemalige Birkenau-Häftling Jacek Zieliniewicz hält mehrmals inne, als er mit diesen Worten die Veranstaltung beendet.,,Wir müssen dies alles unseren Kindern und Enkelkinder erzählen, damit das, was wir erlebt haben, nie wieder passiert."