Ein Appell an die Menschen Europas

OE 19.09.2017 Gabriele Lermann

Ausstellung: Amnesty International zeigt anhand einer Wanderausstellung die Situation an Europas Grenzen  

AI-Referentin Ingeborg Heck-Böckler erklärt ihre Ausstellungswände. Im Vordegrund (von links) Aristide Sambou, Koordinator der IKW Odenwald, Hussein Aljak, in Höchst lebender syrischer Flüchtling, dahinter (von links) Harald Staier von Odenwälder Bündnis gegen Rechts und der erste Gemeindebeigeordnete Karl-Heinz Amos.

 

Höchst. Bilder, Fakten und Daten, die tief berühren, zeigt derzeit eine Ausstellung der Menschenrechtsorganisation „Amnesty International“ (AI) im Höchster Rathaus. Bei gutem Zuspruch fang die Vernissage am vergangenen Donnerstag statt. 

„Europa was machst du an deinen Grenzen“ titelt die Wanderausstellung, die das Odenwälder Bündnis gegen rechts im Rahmen der Interkulturellen Woche nach Höchst geholt hat. Zusammengestellt, von Fotos bis zu den Texten, wurde die Ausstellung von Ingeborg Heck-Böckler,  Referentin für politische Flüchtlinge und AI-Pressesprecherin im Bezirk Aachen, daneben AI-Landesbeauftragte für politische Flüchtlinge Nordrheinwestfalen. 

„Wir müssen in dieser Zeit Haltung beweisen“, damit stand Heck-Böckler an diesem Abend nicht alleine. Die meisten ihrer Bilder entstanden, als sie 2014 und 2015 in Italien und Marokko unterwegs war, um die Situation flüchtender Menschen dort zu erfassen. Auch aus dem Jahr 2016, als sie die Situation der Flüchtlinge in Calais dokumentierte. Persönliche Haltung, so die AI-Mitstreiterin, erfordere ebenso die Politik. Als noch das Projekt des italienischen Militärs „Mare Nostrum“ Rettungseinsätze im Mittelmeer fuhr, sei unzähligen Menschen das Leben gerettet worden. In Italien habe man lange auf europäische Unterstützung herzu gehofft, vergeblich, „Mare Nostrum“ wurde eingestellt. Frontex, die europäische Antwort hierauf, agiere hingegen keineswegs als Retter. Auch angestrebte Kooperationen mit Libyen seien angesichts der Menschenrechtslage dort mehr als fragwürdig. Ihr Lob sprach die AI-Referentin allen engagierten Menschen, ob hier im Odenwald oder europaweit, aus, die sich für faire und menschliche Lösungen einsetzten.  Am Beispiel Calais werden deutlich, hier sind Schulen, Restaurants, Moscheen und Kirchen inmitten der Hoffnungslosigkeit entstanden. 

Als Gastgeber unterstrich Bürgermeister Horst Bitsch, wenn auch sonst die Rathausgalerie der Kunst vorbehalten sei, diese brandaktuelle Ausstellung wie Herausforderung sei genau jetzt, wo sie mit dem Kartoffelmarkt viele Besucher erwarte, richtig platziert. Er selbst sei als Kind heimatvertriebener Flüchtlinge aufgewachsen und wisse, dass seine Eltern ein rundes Jahrzehnt Diskriminierungen im Nachkriegsdeutschland ausgesetzt waren. „Heute kommen Menschen aus anderen Kulturkreises zu uns, wir sollten uns besser verhalten.“ In Höchst habe man mit rund 50 integrierten Flüchtlingen und guten, ehrenamtlichen Engagement nur gute Erfahrungen gemacht. Für das Bündis gegen rechts sprach Harald Staier: „Über 23000 Menschen sind nach Schätzungen der UNHCR seit dem Jahr 2000 auf der Flucht nach Europa ums Leben gekommen. Viele, die gerettet wurden, haben es Hilfsorganisationen wie AI zu verdanken. Wir vom Bündnis gegen rechts sind bestürzt darüber, wie sehr Flüchtlingen in Deutschland mit Rassismus begegnet wird.“ Staier mahnte gerade für Deutschland die verpflichtende Geschichte an, und betonte, wie „beschämend es ist, wenn in Europa um Menschenleben gefeilscht wird“. „Die EU muss endlich legale Zugangswege schaffen um zu verhindern, dass weiter Tausende Menschen im Mittelmeer ertrinken.“

„Danke an das Bündnis gegen Rechts, das sich für Werte, die selbstverständlich sein sollten, einsetzt“, wandte sich der stellvertretende evangelische Dekan Pfarrer Reinhold Hoffmann an die Gäste. Tragisch wertete er die Tatsache, dass auch im Odenwald selbstverständliche Werte wie Achtung, Respekt und Miteinander auf teilweise fremdenfeindliches Gedankengut stoßen. Er dankte für die Bilder: „Tragische Bilder, ebenso tragisch, dass wir diese Botschaft brauchen, um auf das Leid der Menschen, die sicher nicht freiwillig Heimat und Familie verlassen, aufmerksam zu machen.“ Die IKW wertete der Dekan als fruchtbaren Ansatz, das Miteinader zu leben und zu lernen. „Damit haben wir uns seit dem Faschismus schwer getan. Ich möchte in einer Welt leben, in der wir uns in Vertrauen begegnen.“ Musikalisch umrahmt wurde die Vernissage mit Gesang und Piano von Musiklehrer Alexander Link. glb