Von den Nazis gehetzt in Haft genommen

Odenwälder Echo 24. September 2011  | Von Gabriele Lermann

Odenwälder Schicksale: Wolfgang Stapp würdigt Zivilcourage und antifaschistisches Engagement gegen Nazi-Willkür

NEUSTADT. 

Widerstand: Franz Brunner aus Neustadt musste als Kommunist in der Nazizeit ins Konzentrationslager. Repro: Gabriele Lermann

Zehn Jahre seines Lebens der Freiheit und in Folge der Gesundheit beraubt, dies Schicksal widerfuhr dem Neustädter Georg Koch. „Sein Verbrechen war Zivilcourage und antifaschistisches Engagement“, erklärt der Regionalhistoriker Wolfgang Stapp. Am Montag referierte der Höchster im Bürgersaal des alten Rathauses über das Schicksal mutiger Ortsbürger, die im Widerstand gegen den National-Sozialismus verfolgt und inhaftiert wurden. Im Publikum waren auch Nachkommen der Verfolgten vertreten, die die Ausführungen Stapps manchmal aus der Sicht des Selbsterlebten bestätigen konnten. Der Vortrag war der dritte und zunächst letzte zum Widerstand in Höchst und Lützelbach.
Georg Koch wurde 1910 in Neustadt geboren und starb auch dort 1992. Ihn traf die Verfolgung durch die Nationalsozialisten in Neustadt am härtesten. Anders als in Lützelbach überstanden alle Neustädter Widerständler ihre Verfolgung.
Koch war Kommunist. Die Kindheit verbrachte er in den Wirren und der großen Not des Ersten Weltkriegs. Aus dem Arbeitermilieu kommend hatte Koch schnell begriffen,wer die Rechnung für diesen Krieg zu zahlen hatte und wer daraus Profit schlug. Deshalb verschrieb er sich der linken Arbeiterbewegung.
Ausführlich schilderte Stapp die politischen Hintergründe, in denen Koch aufwuchs. Von der SPD als geschlossene sozialistische Front bis zu deren Spaltung 1916 (MSDP und der linke Flügel USPD), den Einflüssen der Spartakusgruppe (ab 1918 Spartakusbund), der Novemberrevolution (1918/19) bis hin zur Ermordung von Rosa Luxemburg und Karl Liebknecht (15. Januar 1919). Am 1. Januar 1919 äußerte sich die Enttäuschung der Arbeiter in der Gründung der Kommunistischen Partei Deutschlands (KPD). Das erste Mal verhafteten die Nazis Georg Koch 1933, ebenso einige seiner Mitstreiter. Er bekam sogenannte Schutzhaft. Damals wurden auch Philipp Koch, Anna Herrschaft, Adam Daab, Berthold Weber, Franz Brunner, Heinrich Keller, Oskar Kull, Wilhelm Scheidler, Fritz Schneider, Heinrich Ludwig Treu und Johann Peter Wießmann von den neuen Machthabern eingekerkert.
Die Schutzhaft stand für eine von der Gestapo (Geheime Staatspolizei) angeordnete Haft ohne richterlichen Beschluss. Am längsten inhaftiert waren damals Philipp Koch mit acht Monaten und Franz Brunner mit drei Monaten Freiheitsentzug. Philipp Koch musste die Schrecken im Konzentrationslager Osthofen erleben. An einer groß angelegte Razzia beteiligten sich 22 Truppenteile, Polizeieinheiten von Beerfelden bis Hainstadt – verstärkt von einem SS-Kommando. Sie nahmen 14 Neustädter vorübergehend fest.
Wie stark der Widerstand damals war, machte Stapp daran deutlich, dass nach der Machtübernahme Hitlers (30. Januar 1933) aus Sandbach und Neustadt rund 400 Menschen protestierten.
Georg Koch, der seine Genossen mit Flugblättern und dem Parteiblatt „Roten Fahne“ versorgte, wurde 1935 erneut verhaftet – die zehn schlimmsten Jahre seines Lebens folgten. Er kam zuerst in das berüchtigte Gestapo-Gefängnis „Runde-Turm-Straße“ nach Darmstadt, dann in das Gefängnis Rockenberg, anschließend ins Emsland-Moorlager, wo er schwerste Bedingungen aushalten musste. 1936 verlegten ihn die Nationalsozialisten in das Zuchthaus Freiendiez (heute Diez an der Lahn). Dies war eine Zwischenstation für Häftlinge des „Hochverrats“, bis sie ins Konzentrationslager velegt wurden. Ein Jahr später kam Koch unter der Schutzhäftlingsnummer 12722 in das KZ Dachau, später von 1939 bis 1940 in das KZ Flossenbürg, bevor er bis 1945 wieder nach Dachau zurückkehrte. Als „Vorbeugehäftling“ Nummer 792 musste er zur berüchtigten Brigade Dirlewanger und wurde an der Ostfront eingesetzt. Als Überläufer gelang ihm die Flucht zur Roten Armee.
Viele Inhaftierte aus Neustadt saßen zeitweise im KZ Osthofen ein. Auch Franz Brunner saß dort von 1935 bis Ende 1936 ein und kam dann ins Moorlager Emsland. 1945 setzten die Amerikaner Philipp Koch (KPD) als Bürgermeister ein, 1946 bestätigten ihn die Neustädter in freier Wahl. Gesundheitlich angeschlagen gab er sein Amt 1947 ab, Franz Brunner (KPD) wurde ebenfalls zum Bürgermeister gewählt. Noch bei der Gemeinderatswahl 1952 erhielt die KPD 314 Stimmen, gefolgt von der Parteilosen Wählergemeinschaft (303) und der SPD, 94 Stimmen.

 
 

 

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